2. Vom jungen Giovanni zum erwachsenen Jean de Sperati

WOLFGANG MAASSEN, AIJP

Giovanni de Sperati wurde am 14. Oktober 1884 in Pistoia, nicht weit von Florenz, als vierter Sohn des pensionierten Obersten Henri de Sperati (1838–1903) und dessen Frau Marie Arnulfi, einer Tochter des italienischen Generals Trofimo Arnulfi, geboren. Einer seiner Brüder, Emilio, diente ebenfalls bei der Armee, sein ältester Bruder Massimo war Briefmarkenhändler in Pisa, ein weiterer, Mariano, war Fotograph in Bologna. Gerade mit Mariano verbrachte Giovanni viel Zeit während seiner Jugend und lernte schon zu Schulzeiten – er besuchte in Bologna eine Technikum-Schule – einiges über Fotographie, Entwicklung und chemische Prozesse.


Sein frühes Interesse an der Chemie veranlasste ihn, im Alter von 15 Jahren in einem Antiquariat eine 12bändige Enzyklopädie der Chemie („Enciclopedia di chimica scientifica e industrial“), geschrieben von Dr. Selmi, zu erstehen. 50 Lire sollte das Werk kosten. Um den hohen Betrag zu zahlen, löste er nach einer Anzahlung von zwei Lire seine Ersparnisse von 42 Lire auf, borgte sich bei der angesichts eines solchen Vorhabens eher skeptischen Mutter weitere sechs Lire und legte damit einen weiteren Grundstein für seine späteren Chemiekenntnisse. Die praktische Umsetzung erlebte er dann immer wieder bei seinem Bruder Mariano, dessen Geschäft ständig wuchs. Dieser unterhielt mittlerweile zwei Werkstätten in Turin, eine für Kontakt-Fotographie, eine andere für Heliographie (Lichtdruck).

Giovanni de Sperati kamen aber auch noch weitere für ihn glückliche Umstände zur Hilfe, denn ein Cousin besaß eine Papiermühle in Guarcino, wo er während der Ferien arbeiten konnte und so die komplizierten Vorgänge der Papierherstellung sowie alles über Fabrikation und Produktion kennen lernen durfte. Ihn faszinierte auch das Lager, dem er schon damals eine große Reihe von Papiermustern entnahm und die er später für seine Arbeiten nutzen konnte.

Er hatte schon in jungen Jahren eine höchst bemerkenswerte Fähigkeit, Schriften anderer Personen nahezu perfekt nachzuahmen. So fälschte er zur Freude seiner Mitschüler, die es gar nicht glauben wollten, die Unterschrift seines Lehrers derartig vollkommen, dass dieser sie selbst nicht als Replikat erkannte. Da war er gerade einmal zehn Jahre alt!

1909 veröffentlichte selbst die deutsche Fachpresse die Nachricht über eine Fälscherwerkstatt Sperati in Pisa, wo Giovanni mit Massimo und Mariano über zehn Monate lang einen schwunghaften Handel mit höchst kunstvoll gemachten Fälschungen betrieben hatte. Zeitweise firmierte die Firma auch von Lucca aus als „Borsa Filatelica Tosacana“, deren „Direktor“ Giovanni war. Am 12. März 1909 warnte Mariano, der selten in Pisa im Geschäft war und kurz zuvor in Turin eine Hausdurchsuchung über sich hatte ergehen lassen müssen, die Brüder per Telegramm von einer auch für sie absehbaren Durchsuchung, die dann auch kurze Zeit später tatsächlich stattfand; die „Vögel“ waren allerdings schon ausgeflogen! Im Gegensatz zu Mariano in Turin, war die Polizei in Pisa erfolgreicher: sie beschlagnahmte zwei Lastwagen voller Fälschungen, Druck- und Herstellungswerkzeuge, „dabei Druckpressen, Papiervorräte, Chemikalien, photographische Apparate und etwa hundert photographische Negative von in- und ausländischen Briefmarken“.[1]


Jean de Sperati und seine Frau Marie Louise Corne. Das Foto entstand anlässlich ihrer Hochzeit 1914 in Paris. Bildvorlage: https://en.wikipedia.org/wiki/Jean_de_Sperati
Jean de Sperati und seine Frau Marie Louise Corne. Das Foto entstand anlässlich ihrer Hochzeit 1914 in Paris. Bildvorlage: https://en.wikipedia.org/wiki/Jean_de_Sperati


Mariano verteidigte sich nach der späteren Festnahme mit dem Hinweis, seine Brüder betrieben schon seit sechs Jahren eine photographische Reproduktionsanstalt und die Negative seien für Reproduktionen in Händlerkatalogen bestimmt. Massimo wurde wenig später mit einem Koffer voller Briefmarken verhaftet, Giovanni setzte sich vorerst ins Ausland nach Paris ab, denn er war von dem Prozess nicht direkt betroffen. In Paris hatte sein Bruder Mariano ein neues Fotoatelier eröffnet, in dem er fortan als Vertreter für dessen Fotos und Zubehörprodukte landesweit mitarbeitete. 1910 war zwar der Prozess gegen das Trio in Pisa eröffnet worden und sie alle verurteilt worden, ein Jahr später kam es aber in Lucca zu einer Berufungshandlung, bei der die Angeklagten freigesprochen wurden. Giovanni, der selbst bei der Verhandlung nicht dabei war, hatte sich in einer Zuschrift an die Turiner Tageszeitung „Stampa“ auf den Standpunkt gestellt: „Händler hätten immer erklärt, dass alle mit 40 und mehr Prozent unter Katalog angebotenen Marken falsch oder geflickt wären. Wenn er also mit 70–80 Prozent Rabatt offerierte, hätten die Sammler gewusst, was sie kauften. Er hätte außerdem seinen Kunden angeboten, ihnen das Geld für die gelieferten Sachen zurückzuzahlen, aber keiner wäre darauf eingegangen. Folglich müssten sie wohl die billigen Fälschungen den teuren Originalen vorziehen“.[2]

Zu dieser Zeit hatte Giovanni schon seine ersten Bewährungsproben abgelegt, denn Jahre zuvor hatte ihn Massimo gebeten, alte San Marino-Marken zu fälschen. Sein erstes Resultat bezeichnete Jean de Sperati selbst später als kümmerlich; da verglich er es auch mit den Qualitäts-Standards späterer Zeiten. 1909 in Paris versuchte er sich erneut mit Replikaten, ein Händlerkunde seines Bruders hatte ihn dazu ermuntert. Eine von ihm gefälschte Altdeutschland-Marke wurde sodann dem deutschen Prüfer Max Thier in Berlin vorgelegt, der diese Vorlage als echt attestierte. Speratis Kunst war es erstmals gelungen, einen der besten und namhaftesten Prüfer der damaligen Zeit zu täuschen! Das motivierte ihn zu weiteren Vorhaben dieser Art.



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[1] DBZ 1909, S. 62

[2] DBZ a.a.O., S. 62